Was ist ein „Freund“ heute noch wert?

facebook-556808_1280Wenn es nach Mr. Zuckerberg geht, ist es heutzutage sehr leicht, Freunde zu finden. Man logge sich dazu bloß auf seiner milliardenschweren Plattform ein und klicke „Freundschaftsanfrage versenden“. Bestätigung abwarten, schon ist man in der Freundeliste des anderen aufgenommen. Ich selbst habe aktuell 187 „Freunde“ bei Facebook, kenne jedoch viele, die über solch eine kleine Zahl nur milde lächeln. Aber sind all diese Menschen wirklich meine „Freunde“? Ganz sicher nicht. Das mag abweisend klingen, doch bin ich – was dieses Thema betrifft – ziemlich old school eingestellt.

Für mich stellt sich zunehmend die Frage, welchen Stellenwert die Bezeichnung „Freunde“ in unserer Gesellschaft überhaupt noch genießt. Wann bezeichnet man einen Menschen als Freund?

Ich kenne viele Menschen. Sei es durch Job, die Kinder, meine Schulzeit etc. Doch habe ich mir aus diesem recht großen Angebot an netten Menschen in all den Jahren doch lediglich einen kleinen Freundeskreis erhalten. Dabei bin ich nie nach einem festen Schema vorgegangen oder habe einen Zeitraum festgelegt, ab wann ich jemanden Freund oder Freundin nennen darf. Jemanden als Freund zu bezeichnen ist für mich eine Sache, die ganz allein das Bauchgefühl entscheidet, denn hier wächst auch Vertrauen. Der Aspekt, der in einer funktionierenden Freundschaft absolut unerlässlich und gleichzeitig auch am verletzlichsten ist.

Unsere Große Tochter kommt öfter mal aus der Schule nach Hause und sagt „die *** und ich sind jetzt Freundinnen“. Nach zwei Wochen ist der Spuk vorbei, einer hat Mist gebaut, was Falsches gesagt und schon war´s das wieder. Deshalb versuche ich Ihr beim Anflug der nächsten Euphorie-Welle meist zu erklären, dass man jemanden erst dann als Freund oder Freundin sieht, wenn derjenige es schafft zum Einen ein gleichbleibendes,toy-528068_1280 positives Interesse an ihr zu zeigen und nicht gleich bei der ersten Meinungsverschiedenheit zum Nächsten rennt, um zu lästern. Dabei fährt gerade sie für ihr Alter eine außergewöhnlich konstante Linie im Bezug auf Freundschaft. Seit sie in den Kindergarten kam – was inzwischen schon über sieben Jahre her ist – hat sie eine beste Freundin. Etwas später kam die zweite beste Freundin hinzu, die auch mit der ersten beste Freundin ist. Ein Dreigestirn, was sich nicht immer einig ist, aber sich zu nahe steht, um sich davon unterkriegen zu lassen. Für mich ein Zeichen, dass diese drei wahre Freunde sind.

Ich befürchte, dass bald die Zeit kommt, in der unsere Tochter Freunde-Synonyme verwendet wie „Buddy“, „Kumpel“ oder „Kollege“. Auf mich wirken diese Bezeichnungen oberflächlich, heute der, morgen der. Mag sein, dass ich mich irre und einfach zu weit von der Schulhof-Sprache entfernt lebe. Aber gerade das Freundschafts-Thema ist mir ein heiliges und das vermittle ich auch meinen Kindern so gut ich kann.

Die nicht familienzugehörige Person, die all meine Anforderungen an eine Freundschaft ausnahmslos und ohne Zweifel erfüllt, ist meine beste Freundin A. Sie hört mir zu, wenn es mal nicht läuft im Leben, kennt jedes kleine Wehwehchen von mir. Sie verzeiht mir die Jogginghose beim Mädelsabend und schmachtet mit mir zu „Stolz und Vorurteil“. Sie versteht was mich bewegt und was mein Leben bestimmt, teilt meine Sorgen. Sie mag meine Kinder und fühlt sich nie belästigt von ihnen. Beginne ich einen Satz, kann sie ihn meist zu Ende sprechen. Sicher, dass klingt kitschig und nach einem Idealbild. Aber so ist sie für mich – meine Seelenverwandte! Solch einen Menschen zu kennen, ist m.E. erheblich wertvoller, als 100 Menschen zu kennen, die sich aber verdrücken, sobald es einmal ungemütlich wird.pinky-swear-329329_1280

Ein letzter Punkt, der für eine funktionierende Freundschaft unverzichtbar ist, ist dass man miteinander produktiv streiten kann. Ich behaupte, dass es wohl in jeder intensiven und andauernden Freundschaft einmal einen Punkt gibt, an dem es mal ordentlich kracht. Auch A. und ich hatten diesen Punkt schon. Seitdem bin ich mir jedoch sicher, dass ich ihr alles, wirklich ALLES sagen kann, wenn mich etwas an ihr oder ihrem Verhalten stört. Ist diese Ehrlichkeit nicht möglich, frisst man den Ärger in sich hinein. Es entstehen folglich falsche Eindrücke, falsche Interpretationen, was im schlimmsten Fall dazu führen kann, dass eine intensive Freundschaft daran zerbricht und nicht mehr zu kitten ist.

Sucht Euch Freunde mit Bedacht – nur solche, die Euch guttun. Doch bedenke: Eine Freundschaft ist ein Geben und Nehmen. Wer Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft und Zeit des anderen empfängt, sollte dies auch zurückgeben können.

2 Kommentare

  1. bine

    Ich finde es so schön, wenn es noch echte Freundschaften gibt. Für mich ist weniger oft mehr und drumherum gibt es viele nette Bekanntschaften, die ich nicht missen möchte. Aber tiefe lange Freundschaften sind in meinen Augen seltener geworden. Menschen sind mobiler, ziehen öfter um. Das Internet macht „Freundschaften“ schnelllebiger. Aber auch dort kann man wahre Freunde finden. Freundeslisten bei FB sind nicht immer aussagekräftig. Super Beitrag von dir

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    1. Chrissi (Beitrags-Autor)

      Vielen Dank, Bine! 🙂

      Ich gebe Dir Recht – die heutige, schnellebige Zeit lässt „richtige“ Freundschaften kaum mehr zu. Einen großen Anteil an dieser unschönen Entwicklung haben m.E. auch Smartphones und Co. Es liegt an uns, dem entgegenzuwirken und diese Werte an unsere Kinder weiterzugeben.

      LG
      Chrissi

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