Migräne – eine unsichtbare „Freundin“ für´s Leben (auf die ich gerne verzichten würde)

Kaum habe ich mich daran gewöhnt, nicht aus Versehen 2014 zu schreiben, ist sie wieder da. Meine alte Vertraute – auf unschöne Art vertraut – meine Migräne.

Mit diesem Leiden schlage ich mich seit der Blütezeit meiner Pupertät herum. Gut zehn Jahre blieb sie unerkannt. Die häufigen Kopfschmerzen führten mich über den Hausarzt immer wieder zum Orthopäden statt zum Neurologen. Bereits hier war deutlich, wie wenig die Schulmedizin über Migräne weiß und ausrichten kann. Meine Migräne kündigt sich meist mit extremen Verspannungen im Nacken an. Dies ist der Grund, warum der Orthopäde jahrelang davon überzeugt war, dass die Kopfschmerzen vom Nacken kommen. Tatsächlich ist aber umgekehrt der Fall. Nachdem ich einmal mehr mit Anfang 20 eine schlimme Kopfschmerzphase hatte, bekniete mich meine Mutter, die Klärung der Kopfschmerzen nochmal voranzutreiben. Ich hatte mich zwischenzeitlich irgendwie damit abgefunden, aber den Hinweis nun doch aufgegriffen und begann erneut eine mehrstündige Internet-Recherche. Dabei stieß ich diesmal auf einen Fragebogen des Neurologen Dr. Schellenberg aus Hüttenberg im Lahn-Dill-Kreis. Dieser ist sehr detailliert und trifft mit den Fragen genau den Punkt. Diesen habe ich ausgefüllt und abgeschickt. Für den Unkostenbeitrag von 10 € – der für mich absolut nachvollziehbar ist, bedenkt man den Zeitaufwand der Analyse – bekam ich nach kurzer Zeit einen mehrseitigen Diagnosebogen, der in meinem Fall voll ins Schwarze traf. Zum ersten Mal war klar, dass ich ein eindeutiger Migränepatient bin. Dr. Schellenberg riet in der Diagnose zum umgehenden Arztbesuch. Ich wurde auf Triptane eingestellt und habe erst seitdem etwas in der Hand, um diesen Schmerzen im Kopf Herr zu werden. In meinem Fall treffen zwei Formen der Migräne zu:

– Hormonelle Migräne – ausgelöst z.B. durch die Periode, was besonders schlimm wird bei   Einnahme der Pille
– Stressmigräne  – selbstredent, denke ich 😉

Letzteres lässt sich durch Stressvermeidung, Stressabbau durch Sport etc. reduzieren. Hier habe ich Einfluss. Die hormonelle Migräne hingegen ist alle vier Wochen so sicher wie das Amen in der Kirche. Einzig durch Absetzen der Pille ist es mir gelungen, die Intensität und Dauer der Attacken in dem Fall erheblich einzuschränken, was für mein Befinden ein riesiger Fortschritt ist und langes Austesten voraussetzte.

Nun habe ich inzwischen zwei Kinder und ehrlich gesagt, habe ich mir im Vorfeld meinder ersten Schwangerschaft nie Gedanken gemacht wie es sein wird, Migräne zu haben während man sich um den Nachwuchs kümmern muss. Wer ebenfalls mit Migräne zu tun hat weiß, dass man erheblich im Tagesablauf beeinträchtigt ist. In meinem Fall ist es so, dass ich oft da sitze, als hätte ich wer weiß was geraucht und einfach die Wand anstarre. Als hätte jemand in meinem Hirn die Pause-Taste gedrückt. Dann springen die Kinder um mich herum und es kostet mich eine unglaubliche Kraft, diesen Null-Modus zu beenden und wieder auf Empfang zu schalten….und auch zu bleiben. Hierzu kommen die Nebenwirkungen der Migräne-Medikamente ( Triptane ). Diese sind in meinem Fall Muskelschmerzen, totale Abgeschlagenheit, Empfindlichkeit der Haut. Sie sind oft so erheblich, dass sich der Allgemeinzustand für 30-60 Minuten nochmals deutlich verschlechtert gegenüber dem wie er vor Einnahme der Medikamente war. Es ist nicht einfach, den Kindern glaubhaft klarzumachen, dass gerade gar nichts geht und ich nehme ihnen dies nicht übel. Ich gebe entgegen aller pädagogischen Empfehlungen zu, dass dies Tage sind, an denen meine Kinder mehr Fernseher schauen dürfen als sonst. Es ist nicht immer spontan jemand greifbar, bei dem man die Kinder lassen kann, um die nötige Ruhe zu finden, die eiiiigentlich nötig ist, um die Migräne schnellstmöglich loszuwerden. Wenn ich darüber nachdenke, fehlt mir in ca. 80% aller Attacken eben genau diese Ruhephase. Dies hat zur Folge, dass das Abklingen des Schmerzes länger auf sich warten lässt und die Wahrscheinlichkeit, dass die Migräne nach einigen Stunden zurückkehrt größer ist.

Ein weiterer heikler Aspekt im Bezug auf Frauen und Migräne ist die Schwangerschaft. Meine erste Schwangerschaft war im Bezug auf die Kopfschmerzen eine herrliche Zeit. Lange, lange Zeit war ich aufgrund der hormonellen Umstellung im Körper von Migräne verschont geblieben. Selbst nach der Geburt dauerte es eine ganze Weile, bis die Migräne – etwas abgeschwächt – wieder auftrat. Nach einigen Jahren war sie wieder ganz die Alte. Bei der zweiten Schwangerschaft erhoffte ich mir den gleichen Effekt wie bei meiner Mutter – sie hatte nach meiner Geburt (ich war ebenfalls das zweite Kind) nie wieder Migräne! Jedoch traf genau das Gegenteil ein. Die ersten 20 Wochen meiner zweiten Schwangerschaft waren die absolute Hölle. Alle Schmerzattacken, die ich bis dato für die Apokalypse meines Gehirns hielt, waren nichts gegen das was ich in dieser ersten Schwangerschaftshälfte durchlebt habe. Das schlimmste war die Aussichtslosigkeit, weil man keinerlei Medikamente einnehmen darf. Diese wären in den Kreislauf des Fötus übergegangen und hätten ihm schaden können. Nur Paracetamol war erlaubt. Aber wer richtige Migräne kennt weiß, dass diese der Tropfen auf dem heißen Stein sind. Absolut nutzlos. In der zweiten Schwangerschaftshälfte änderte sich dies schlagartig und ich konnte meinen kugeligen Zustand endlich genießen. Aber auch hier konnte sich die Migräne nicht von mir trennen und beehrte mich irgendwann im Laufe der Stillzeit wieder.

In meinem Fall habe ich das Glück, dass ich meist keine Übelkeit verspüre. Auch von Lähmungen blieb ich bislang verschont. Dies sind die sogenannten „Auren“, die bekanntlich die Migräneattacken bis zu mehrere Stunden im Vorfeld ankündigen. Ich spüre das Herannahen des Schmerzes – wie eingangs schon erwähnt – durch extreme Muskelverspannungen in Nacken und Rücken sowie einem stechenden Schmerz hinter dem ( meist rechten ) Auge. Typisch für Migräne ist auch das einseitige Auftreten des Schmerzes. „Wandert“ meine Migräne ausnahmsweise mal nach links, haut mich das noch mehr aus den Schuhen, da ich es schlicht nicht gewohnt bin.
Man ist so sehr eingeschränkt mit dem Schmerz. Hausarbeit oder Spielen mit körperlichem Einsatz ist kaum möglich, da dies die Migräne verstärkt.

Mir persönlich macht  die Dauer der wiederkehrenden Migräne ( 3 – 7 Tage sind leider normal ) immer wieder auch psychisch zu schaffen. Es entwickeln sich regelrecht depressive Zustände, in denen ich mehrere Stunden wie mit einem schwarzen Vorhang verbringe. Dann habe ich oft das Gefühl, dass es nie mehr Möglich ist, aus diesem Zustand des Schmerzes und der körperlichen Verzweiflung auszubrechen, was natürlich eigentlich quatsch ist. Jedoch erschreckt es mich immer wieder, wenn ich psychisch so „abrutsche“. In diesem Fall ist es umso wichtiger, sich die nötigen Freiräume zu schaffen, um wieder Mensch zu werden. Eine weitere Belastung ist auch die Tatsache, dass diese Krankheitsform oft ignoriert bzw. nicht anerkannt ist, da man sie nicht „sieht“. Dies fiel mir am meisten im Berufsleben auf. Schnell ist man der Simulant.

Wenn Du auch jemand bist, der oft und in bestimmten Situationen Kopfschmerzen hat und diese nicht richtig zuordnen kann, empfehle ich die Diagnose mit dem Fragebogen . Hierbei erhält man verlässliche Unterstützung für den unausweichlichen Arztbesuch. Ratsam ist auch, ein sogenanntes „Migränetagebuch“ zu führen. Hierbei wird die Dauer, die Schmerzart, Schmerzintensität und eingesetzte Medikation notiert. Für jeden Neurologen eine dankbare Unterstützung zur gezielten Diagnose.

Es ist unglaublich wichtig – dass man den Ursprung, den Auslöser ( sog. „Trigger“ ) der Migräne erkennt und sie dadurch einschränkt. Denn letztendlich bleibt uns betroffenen nichts anderes übrig, als damit zu leben, denn eine Heilung scheint nicht möglich zu sein.
Ich kann inzwischen auf wesentlich erträglichere Art damit leben, wenngleich die Stärke der Attacken nie vorhersehbar sind. Unverzichtbar sind für mich die Triptane und Ibuprofen gegen die Verpannungen. Aber ich sehe oft Menschen mit Einschränkungen und Krankheiten, die unvergleichlich schlimmer und beeinflussender sind. Inzwischen versuche ich es so zu sehen:
SCHLIMMER GEHT IMMER 🙂

Mit diesen Worten beende ich den doch sehr langen Beitrag und möchte nicht unerwähnt lassen, dass mich Deine Erfahrungen in Sachen Migräne natürlich sehr interessieren und mich über Kommentare freue.

Abschließen möchte ich jedem Betroffenen ein Buch ans Herz legen, welches mir oft geholfen hat: „Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne“ von Prof. Dr. Hartmut Göbel.

Bleibt gesund.

Chrissi

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.