Gymnasium? Chancen? Shitstorm ;-)

Nachdem ich heute eine WhatsApp-Nachricht einer aufgebrachten Mutter erhielt mit der Bitte, meine Große unbedingt und baldigst über den heutigen Schultag zu interviewen, wurde ein wunderbarer Shitstorm an den Elternbeirat über die Klassenlehrerin entfacht. Mein Adrenalinspiegel hielt sich über mind. 2 Std. konstant am oberen (heute möglichen) Level. Hintergrund:
Rein zufällig (…!!!) ergab sich heute in einer Pause ein Gespräch mit der Lehrerin, in dem ein Kind sich darüber beschwerte, es wolle gar nicht aufs Gymnasium, weil man da eher aufstehen und mit dem Bus fahren müsse. Daraufhin vertiefte sie die Nachteile, die ein Schulwechsel in die nächstgrößere Stadt mit sich bringe. Diese seien im Falle der gymnasialen Stufe mehr Stunden (falsch), mehr Hausaufgaben (gut möglich), Busfahrt (na und?!?!?!). Hier auf der Förderstufe sei es ja viel leichter und man könne ja später noch wechseln, wenn man wolle. Den Kindern wurde recht deutlich vermittelt, dass gymnasium viel zu schwer sei und dort nur Julias* und Christians* (**Namen der Klassenbesten geändert – sonst geht der nächste Shitstorm an mich 😉 ) säßen. Mehrere Kinder, die gerne aufs Gymnasium wollten, kamen heute nach Hause, erzählten dies und vermittelten dann ihren Eltern „ich möchte das nun noch nicht. Das wird mir zu schwer“……..
Traumhaft! Man leistet zu Hause Motivationsarbeit und Erklärung, was ihm die gute Note bringt, für die es lernt und was schafft die Paukerin in 5 Min? Dass alles zunichte gemacht wird…..unglaublich……Wie kann man eine ganze Klasse in den Schatten von 2-3 Überfliegern stellen? Andere können ebenso geschmeidig das Gymnasium schaffen, auch wenn sie möglicherweise eine Stunde mehr lernen müssen, um das Ziel zu erreichen.

Ohnehin muss ich feststellen, wie der Marketing-Gedanke in unserer Schule um sich greift. Die Schulleiterin steigt voll darauf ein und scheint eine steigende Schülerzahl des weiterführenden Real – und Hauptschulzweiges ziemlich nötig zu haben. Dies wurde am gestrigen Infoabend deutlich und durch die heute gestreute Panikmache bestätigt.

An dieser Stelle großes Lob an unseren Elternbeirat, der sich vor keinem unangenehmen Gespräch mit der Lehrerin drückt und dem Problem ins Auge sieht.
Interessant im heutigen, intensiven Austausch war, dass viele Eltern die gleiche Schule mit Gymnasium-Zweig wie wir favorisieren, auch wenn die Kinder keine Überflieger sind. Motivierend und beruhigend.

Meiner Tochter habe ich zu allererst klargemacht, dass sie sich von NIEMANDEM einreden lassen soll, nur weil sie nicht Julia* oder Christian* heiße, schaffe sie das Gymnasium nicht. Schade, dass diese Motivation nicht von seiten der Lehrer erwartet werden kann. Früher war eben alles besser…….

Wenn Du schon so Deine Erfahrung mit Deinen Kindern gemacht hast oder vielleicht auch Lehrer/in bist, freue ich mich über Kommentare. Von jedem anderen natürlich auch 🙂

3 Kommentare

  1. Janine

    Hallo Christine!
    Schulwahl in Italien – Himmel und Hölle liegen nah beieinander
    Anbei ein kleiner Einblick in den italienischen Schulalltag. Wie Du weißt, lebe ich mit meinem italienischen Mann und meinen zwei Söhnen (5 und 8) in einem italienischen Provinzort. Bei der Wahl der Grundschule des Erstgeborenen sagte eine Lehrerin der Mittelstufe zu mir: „Die Schüler der Grundschule aus Ihrem Ort sind für Lerndefizite bekannt“. Somit entschied ich, Erik getrennt von seinen Kindergartenfreunden in den Unterricht zweier Senior-Lehrerinnen im Nachbarort zu schicken, die mein Mann selbst bereits als Kind schon hatte. „Die haben einen sehr guten Ruf, etwas Besseres kann unserem Sohn nicht passieren“, sagte mein Mann.

    Erik ist jetzt in der 3. Klasse und ich bin froh, mich für diese Senior-Lehrerinnen entschieden zu haben, sie werden ihrem Ruf vollkommen gerecht! Mein Sohn besucht eine Ganztagsschule und kommt ohne Hausaufgaben nach Hause. Das Heft sieht äußerst gepflegt, ordentlich und musterhaft aus.

    Letzte Woche hatten wir mal wieder einen Elternabend. Eigentlich wollte ich gar nicht hingehen, denn die Lehrerinnen sind hervorragend, Probleme gibt es keine… Ich vergaß…
    „Das Lernziel wurde wieder gut erreicht. Schüler mit Schwächen haben Sonderaufgaben und die leistungsstarken Kinder Förderaufgaben bekommen“, berichtete die Klassenlehrerin. Alles, wie man es sich als Eltern wünscht. Doch erinnerte sie uns: „In dieser Klasse gibt es seit jeher schwere Verhaltensprobleme.“ Trotz Ihrer 35jährigen Erfahrungen in der Schulpädagogik sind unsere Lehrerinnen ratlos und entsetzt. „Es gibt Schüler, die in den Ferien nicht ein Heft aufgeschlagen haben, geschweige denn Hausaufgaben gemacht haben. Wir sind angehalten, diese Schüler den Stoff im Unterricht nachholen zu lassen. Es gibt Schüler die grundsätzlich kein Schulmaterial mitbringen, so dass wir Lehrer selbst in die Taschen greifen, um uns anschließend einen Tritt gegen das Schienbein einzuholen. Schüler der Klasse haben das Schloss der Toilettentür kaputtgerammt, nun können die Schüler dieser Klasse nur noch in Begleitung des Hausmeisters zur Toilette gehen. Schüler haben sich an die Klassentür gehangen, dass die Klinke herausgebrochen ist – und nie findet sich der Verursacher. Auf der Klassenfahrt in der ZWEITEN Klasse haben sich Schüler von der Klasse entfernt ohne den Lehrerinnen Bescheid zu geben. Vor zwei Tagen haben wir ein Lotto-Spiel in der Klasse gespielt. Die von den Kindern ausgedachten Gewinne lauteten: eine Reise mit dem Kreuzfahrtschiff; ein Auto; … es wurden alle Zettel der Kinder geöffnet und gelesen, darunter: eine Runde Sex mit der Putzfrau.“ (Liebe Christine, es geht hier um 8jährige Kinder in der 3.Klasse einer italienischen Grundschule!!)

    Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
    Dieser Elternabend artete bereits recht früh durch einen Beitrag einer Mutter aus, die ich bisher nur einmal bei einem Elternabend der zweiten Klasse gesehen hatte, als sie wie immer zu spät kam und sofort folgenden Verbesserungsvorschlag hatte: „Warum müssen sich unsere Kinder eigentlich mit Gedichten quälen? Schon ich habe mich damals schwer damit getan, geht es nicht ohne?“ Bei dem aktuellen Elternabend beschwerte sie sich bereits in den ersten zehn Minuten in einem total hysterischen Ton: „Frau Lehrerin, Sie müssen bei Ihren Disziplinmaßnahmen in dieser Klasse etwas ändern, meine Tochter hat immer dann Bauchschmerzen, wenn Sie Unterricht haben.“ Gerade die Eltern schwieriger Kinder stimmten gleich mit ein und schienen die verzweifelten Lehrerinnen zu „zerfleischen“. Eine Mutter entgegnete: „Bei allem Respekt, bei der Heldenarbeit, die die Lehrerinnen in dieser 25köpfigen Rabaukenklasse vollziehen, sollte man sich doch als Eltern eher an die eigene Nase packen und über die Erziehungsmaßnahmen zu Hause nachdenken und versuchen mit den Lehrern zu arbeiten und nicht gegen diese. Wenn die Tochter Probleme mit der Lehrerin hat, dann sollte doch ein Psychologe aufgesucht oder die Schule gewechselt werden.“
    Eine Mutter fragte dann, warum ihre Tochter vom Unterricht ausgeschlossen und vor die Tür gestellt wurde … das ist heute nach italienischem Gesetz doch gar nicht mehr zulässig!
    Die Lehrerinnen berichteten uns anschließend wie sich die Kinder häufig im Flur prügeln und wieviel Kraftaufwand es bedarf, um sie auseinander zu bekommen. Eine Mutter mit außergewöhnlichem Look entgegnete, „Wieso zerren Sie an meinem Sohn? Sie wissen doch, dass Sie die Kinder nicht grob anfassen dürfen? Mein Kind wurde von uns noch nie geschlagen, bei uns werden Schwierigkeiten immer durch Gespräche geregelt. Wenn sich Kinder in diesem Alter prügeln, so ist das normal. Das hört sich so an, als wären das alles Schwerverbrecher. Haben Sie sich schon die Klassenzustände in Turin angeschaut? Das sind hier doch alles brave Lämmer. Ich mache mir erst Gedanken, wenn ein Schüler dem anderen die Haare abfackelt.“ Dies ist der Kommentar der Mutter, deren Sohn einen Mitschüler Anfang des Schuljahres die Treppe herunterschubste.
    Eine Mutter mit einem schwierigen Kind fragte, wer denn diese verhaltensgestörten Kinder seien. Leider dürfen die Lehrerinnen aufgrund der Privacy keine Namen auf dem Elternabend nennen…

    Wo wird mein Sohn die Mittelstufe besuchen?
    Schon bei dem Elternabend graute es mir vor der Frage: Wohin mit meinem Sohn in der Mittelstufe? Hier in Italien geht die Grundschule bis zur 5. Klasse. Das heißt, mein Sohn besucht diese Klasse noch weitere 2 ½ Jahre, aber was dann? Hier gibt es in der Mittelstufe keine Hauptschule und keinen gymnasialen Zweig, d.h. alle Schüler sind nach wie vor zusammengewürfelt. Es besteht für uns die Auswahl zwischen dieser Klasse eines Provinzortes oder einer Schule im nächstgrößeren Ort.
    Aber wenn die zwei erfahrenen Senior-Lehrerinnen bereits in der Grundschule diese Klasse nicht unter Kontrolle haben, wie sieht das dann erst in der vorpubertierenden Phase der Schüler bei ständig wechselnden Lehrern aus? – Das kann ich mir absolut nicht ausmalen. Die Schule im nächstgrößeren Ort hingegen hat einen sehr schlechten Ruf wegen Drogen…

    Tanti saluti aus Italien,
    Janine

    PS.: Chris, Complimenti für deinen Blog!! Allerdings fehlen die Formattierungsmöglichkeiten wie kursiv, fett, unterstrichen bei den Kommentaren. LG

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    1. Chrissi (Beitrags-Autor)

      Hallo Janine,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und Dein liebes Kompliment zu meinem Blog 🙂

      Beim Lesen ging meine Kinnlade immer weiter runter und ich staune wirklich, was Du für Nerven haben musst, um diese Ungereimtheiten zu verarbeiten und Erik entgegen der scheinbaren Entwicklung Eurer Klasse weiter in die richtige Richtung zu lenken.
      Solche Mütter wie sie von Dir beschrieben wurden, wären bei uns schon regelrecht zerfleischt worden mit Aussagen wie „ich mache mir erst Sorgen, wenn jemand die Haare abfackelt“. Bei dem Wunsch eines Drittklässlers, eine Runde Sex mit der Putzfrau haben zu können, würde möglicherweise hier bereits das Jugendamt klingeln.

      Wenigstens aber hattet Ihr die Möglichkeit, Euch die Grundschule auszusuchen. Ist man hier mit der örtlichen Einrichtung nicht einverstanden, ist es ein Spießroutenlauf, um in die benachbarte Einrichtung zu kommen. Gestattungsantrag, Ablehungen, EInspruch, Schulamt……
      Im Nachhinein hätten wir es in Kauf nehmen sollen, denn diese Schule hier in Florstadt hatt mit die letzten 3,5 Jahre seeeehr viele Nerven gekostet und derzeit treibt sie mich täglich in die Wut.

      Ich hoffe, Du hälst mich (auch telefonisch) auf dem laufenden über Deine Kinder und die Stories der Schule 😉

      LG nach Piozzo
      Christine

      PS: Da ich das Theme der Homepage geändert habe, kannst Du nun auch die Kommentare formatieren 😉

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  2. Pingback: Lehrer als Werbeträger – das macht Schule (aus)! | good2bmum.de

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